Malte Messerschmidt
Ellen Hartmann | am

Holzminden: Wenn Landwirte zu Bloggern werden

Malte Messerschmidt aus Eimen in Holzminden will seinen Abonnentinnen und Abonennten in den sozialen Netzwerken die Landwirtschaft näher bringen. Als "bauern_bengel" bloggt er daher über seinen Alltag auf dem landwirtschaftlichen Betrieb seiner Eltern. Seit neuestem wird dort Chia angebaut.

Unter seinem Synonym postet Messerschmidt Fotos und Videos von allem, was auf dem landwirtschaftlichen Betrieb in Eimen anfällt. Aktuell folgen dem 22-jährigen Agrarwissenschaftsstudenten rund 8.600 Menschen bei Instagram, um zu erfahren was auf dem Hof los ist. "Aktuell ist es Chia, den ich aufgrund der langanhaltenden Feuchtigkeit leider erst recht spät, Ende Juni, ausgesät habe", so Messerschmidt. "Ich liebe es, was Neues auszuprobieren – und als ich die Anzeige zum Forschungsprojekt der Uni Hohenheim gesehen hatte, stand für mich fest: Geil! Das will ich machen!"

Erste deutsche Chia-Züchtung

Mittlerweile gedeihen die Chia-Pflanzen prächtig und sind bereits 1,40 Meter hoch. Sie sind die erste deutsche Chia-Züchtung der Uni Hohenheim namens "Juana", die im vergangenen März vom Bundessortenamt zugelassen wurde. "Eigentlich suchte die Uni Züchter, doch ich dachte mir, die brauchen auch Anbauer und meldete mich daraufhin", so der Agrarblogger weiter. Die Chia-Pflanzen baut er auf rund 4.000 Quadratmetern an. Dafür hat er 500 Gramm Saatgut mit einer normalen Drillmaschine in 50-er Reihenabstand aufs Feld ausgebracht. "Da die Körner so klein sind, musste ich das Saatgut mit etwas strecken, das nicht keimt. Wo der Boden besser ist, ist sie gleich gute zehn Zentimeter höher."

Wo kommt Chia her?

Die aus Südamerika stammende Pflanze soll knapp 1,50 Meter hoch werden. Die Samen der Pflanze sind sehr beliebt, da sie als sogenanntes "Superfood" durch ihren hohen Kalzium- und Eisengehalt und ihrer verdauungsfördernden Eigenschaften gerne im Müsli, Smoothies oder als Pudding gegessen werden. Insbesondere die hohe Nachfrage nach China sorgte jüngst in Südamerika für explodierende Preise und führte dazu, dass sich die breite Bevölkerung das Grundnahrungsmittel nicht mehr leisten konnte. Durch den Ansturm auf Chia-Produkte mussten auch dortige Landwirte vermehr zu Pestiziden greifen. 

Regionaler Anbau von Chia in Deutschland

"Darin sind Gründe für den regionalen Anbau von Chia in Deutschland beziehungsweise in Niedersachsen zu sehen", so Messerschmidt. "Wir haben für den regionalen Anbau mit Juana eine Sorte, die sich an das kalte Klima und die langen Sommertage in Deutschland anpassen kann, um zur Blüte zu kommen. Damit wird das Risiko entsprechender Ernteverluste durch Frost minimiert." Anfangs habe Messerschmidt seine Pflanzen mehrmals mit der Hand gehackt, um Unkraut zu entfernen, bis ihm ein älterer Landwirt seine Oldtimer-Hacke angeboten habe. Zugelassene Pflanzenschutzmittel gebe es derzeit für Chia-Pflanzen nicht, so der 22-Jährige. 

Messerschmidt schätzt Abreife heterogen ein

"Gedroschen wird ähnlich wie beim Raps", so der "Bauernbengel". "Das wird noch spannend, denn die Samen der zur Gattung der Salbeigewächse gehörende Chia-Pflanze, sind extrem klein. Der Drescher muss picobello sauber sein und auch hinterher ausgesaugt werden, damit nicht zu viel drinnen bleibt." An die Vermarktung wolle er erst denken, wenn er die Pflanzen zum Blühen gebracht habe. Momentan schätze er die Abreife sehr heterogen ein. "Wenn der erste Haupttrieb schon durch ist, kommen wahrscheinlich erst die Nebentriebe zur Abreife. Diese Kultur ist eine Blackbox: Wie wächst sie? Wie entwickelt sie sich? Welche Schädlinge wird es geben? Das ist das, was mich reizt." Der Uni Hohenheim schickt der Junglandwirt Fotos und Berichte vom Entwicklungsstand der Pflanze. 

Chia-Pflanzen blühen in 14 Tagen

Der Junglandwirt freut sich jetzt erstmal auf ein hoffentlich lila und weiß blühendes Feld in rund 14 Tagen. Die ersten Blüten habe er bereits entdeckt. "Spannend wird, wie die Insekten darauf reagieren. Die ersten Wildbienen sind schon da." Sein Vater lasse ihm bei den Chia-Pflanzen freie Hand, allerdings unter einer Bedingung: Messerschmidt müsse sich kümmern. Nach einem Betriebsunfall seines Vaters vor 30 Jahren wurden die Tiere auf dem Hof abgeschafft und auf Ackerbau im Nebenerwerb umgestellt. "50 Hektar (ha) waren es damals, jetzt bin ich bei 100 ha und würde gerne noch mal verdoppeln", so der Blogger. "Durchs Ausprobieren müssen wir zukunftsfähig werden. Mit Raps, Weizen und Gerste kommen wir nicht weit." 

Digital mit auf den Acker gehen

Der Betrieb der Messerschmidts in Eimen wird konventionell bewirtschaftet. "Die Einteilung öko-konventionell stört mich", so Malte Messerschmidt. "Wenn wir weiterkommen wollen, müssen wir aufhören in Schwarz und Weiß zu denken und stattdessen Alternativen suchen, indem wir das Beste aus beiden Systemen verbinden. Ich bin konventioneller Landwirt und setzte zusätzlich dabei auf regenerative Methoden, indem ich versuche durch den gezielten Einsatz von Nährstoffen das Immunsystem der Pflanze zu stärken, um so die Anwendung chemischer Pflanzenschutzmittel weiter zu reduzieren. Das ist zu Beginn mit größerem Aufwand verbunden, aber langfristig nachhaltiger, um mehr Biodiversität zu erhalten:" 

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