Ein abgebrannter Schweinestall.
Ellen Hartmann | am

Statistiken für Stallbrände fehlen

Rund 5.000 Stallbrände gibt es im Jahr in Deutschland, heißt es vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Aber statistisch erfasst werden diese Zahlen nicht - auch nicht in Niedersachsen.

"Das finde ich erstaunlich", sagt Stefan Stein, Beamter bei der Bundespolizei. Er kümmert sich und erfasst bundesweit die Stallbrände und notiert die Opfer in seinen Aufzeichnungen. So sind für den 10. Februar 2021 zum Beispiel "29 Hühner, ein Hahn" im Nordschwarzwald erfasst, "50 Rinder" am 8. März im Allgäu und "50 Sauen und Ferkel" am 20. April im Landkreis Heilbronn. 

Keine Statistik in Niedersachsen

Auch in Niedersachsen gibt es keine Statistik in Bezug auf Brände in Tierställen. Dennoch ist das Thema nicht unbekannt: So schrieb das Innenministerium 2019 auf eine Anfrage der Grünen im niedersächsischen Landtag, dass es laut des Vorgangsbearbeitungssystems der Polizei in den Jahren 2017 und 2018 rund 13 Brandstiftungen oder Sachbeschädigungen von Ställen in Niedersachsen gegeben habe (Stand: 8. Februar 2019). Nach Angaben der Deutschen Presse-Agentur (dpa) habe das Landvolk Niedersachsen auf eine ähnliche Anfrage eher verhalten reagiert. 

Was bedeutet das für die Landwirte?

Dem Landvolk zufolge sollen die niedersächsischen Landwirtinnen und Landwirte auf die Wartung technischer Vorrichtungen achten, um Stallbrände zu vermeiden. Laut einer Sprecherin sei der vorgeschriebene bauliche Brandschutz vor allem dazu da, eine Brandausbreitung zu behindern und Rettungsmöglichkeiten zu bieten. Dies sei allerdings oft nur über Neubauten zu steigern und demnach nur begrenzt umsetzbar. Gerade technische Defekte seien die Hauptursache für Stallbrände. Insbesondere seien korrosive Gase wie Ammoniak, die von Tieren ausgestoßen werden, problematisch, so der GDV-Brandschutz-Experte Mingyi Wang. 

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Brandursache: Kurzschluss

Gerade Bauteile der Elektroinstallation und andere technische Anlagen können so angegriffen werden, wodurch es im schlimmsten Fall zu Kurzschlüssen kommen könne, sagt der Experte weiter. Hier seien regelmäßige Kontrollen durch Experten essenziell. Allerdings gebe es hier keine einheitlichen Vorgaben. Denn Brandschutz ist Ländersache. Jedoch hat das Landwirtschaftsministerium Sachsen-Anhalt das Bundesministerium bereits dazu aufgefordert, per Verordnung einheitliche Regeln festzulegen. Die Agrarministerkonferenz beschäftigt sich bereits seit 2018 mit diesem Thema, erst im vergangenen Juni gab es eine Einigung. Demnach sollen bis Juni 2022 konkrete Vorschläge vorgelegt werden, was beim Brandschutz in Ställen verbessert werden müsse. 

Schlimme Beispiele: Alt Tellin und Bramsche

Vom GDV heißt es dazu, dass die Ställe kleiner gebaut werden müssten. Zudem fordert der Verband, dass die regelmäßige Überprüfung der Elektronik in den Regeln verankert werden müsse. Für die Betreiber der Ställe würde dies jedoch einen finanziellen Mehraufwand bedeuten. Auch die Forderung, große Ställe mit Brandschutzwänden auszustatten, sei kostenintensiv. Doch welche verheerenden Folgen Brände in Tierbeständen haben können, zeigen diverse Beispiele aus diesem Jahr. So verendeten erst im März rund 50.000 Schweine bei einem Großbrand in Alt Tellin in Mecklenburg-Vorpommern. In Niedersachsen gab es gerade in der vergangenen Woche in Bramsche bei Osnabrück einen Stallbrand

Tiere erschweren Brandbekämpfung

Im Juni forderte der Bundesrat deshalb die Bundesregierung auf, die Möglichkeit einer Obergrenze für Tierhaltungen zu prüfen - und eine Statistik zu Stör- und Brandfällen mit hohen Tierverlusten zu erstellen. "Ein Erschwernis bei der Brandbekämpfung sind aber auch die Tiere selbst", weiß Brandschutz-Experte Wang. "Manche Tiere erschrecken sich und wollen raus, andere werden durch das Feuer angezogen und laufen dorthin." Bei einer großen Anzahl von Tieren sei die Rettung für die Feuerwehr kaum rechtzeitig zu bewältigen, sagt Wang weiter. "Um die Tiere aus dem Brandbereich zu evakuieren, ist oft kaum ausreichendes Personal seitens des Landwirts da." Doch ohne konkrete Zahlen bleibe der Umfang dieser Fälle weiter unklar.

Stefan Stein und seine Mitstreiterinnen haben bereits 1013 Brände und Havarien in Ställen im ersten Halbjahr 2021 erfasst, rund 59.300 Tiere seien bereits gestorben. "Aber keiner will das heiße Eisen wirklich anfassen", so Stein. "Mit exakten Zahlen wäre das viel leichter."

Mit Material von dpa
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