on_Wilhelm-Petra-Bohnsack
Werner Raupert | am

Suedlink: Trassenverlauf sorgt für Ärger

Familie Bohnsack aus Erzhausen im Leinetal trifft es mit voller Härte. Zwei Starkstromleitungen und die Anbindung des Pumpspeicherkraftwerks Erzhausen laufen über ihren fruchtbaren Grund und Boden. Das kostet Nerven.

Wie lauten die Fakten? Die geplante 230 km lange von Ost nach West verlaufende Höchstspannungsleitung vom Netzknotenpunkt Wahle (zwischen Braunschweig und Peine) in Niedersachsen bis nach Mecklar in der Gemeinde Ludwigsau in Nordhessen (Wechselstrom) und die Ende März festgezurrte von Nord nach Süd verlaufende 700 km lange SuedLink-Stromtrasse (Gleichstrom) kreuzen sich in direkter Nähe des Hofes. Das allein ist schon eine hohe Bürde für den Betrieb und das Ehepaar Petra und Wilhelm Bohnsack.

Obendrauf kommt noch die nach der Abschaltung des Kernkraftwerks Grohnde beabsichtigte Anbindung des Pumpspeicherkraftwerks Erzhausen. Diese Leitung soll wie der SuedLink als Erdkabel verlegt werden, Wahle-Mecklar wird oberirdisch über teilweise gigantische Strommasten geführt. Eine solche Betroffenheit von Einzelbetrieben dürfte in Deutschland einmalig sein.

Vertrauen zerstört

Gegen die massiven Beeinträchtigungen in der Bauphase der drei Stromleitungen, die von den 250 ha eigenen bzw. gepachteten Ackerflächen immerhin 129 ha durchschneiden, und die Wertminderungen des hochbonitierten Grund und Bodens, kann der Landwirt kaum mehr etwas ausrichten.

Die Würfel sind gefallen, die Fundamente für die Masten werden gerade gegossen bzw. vorbereitet und auch der 1 km breite Korridor vom SuedLink steht zum Leidwesen der Eigentümer seit Ende März endgültig fest.

Der Ärger ist beispiellos

Was das Betriebsleiterehepaar allerdings schon an Ärger mit dem Netzbetreiber Tennet im Raum Einbeck-Erzhausen erlebt hat, der für die 380 kV starke Wechselstromleitung Wahle-Mecklar-Trasse zuständig ist, ist beispiellos. Von der vielzitierten engen und vertrauensvollen Abstimmung mit Eigentümern und Bewirtschaftern der betroffenen Flächen kann in der Region Erzhausen keine Rede sein.

Durch zahlreiche negative Erfahrungen ist der eigentlich notwendige gemeinsame Dialog zwischen Tennet und Familie Bohnsack massiv zerrüttet. Zuviel ist in den letzten Monaten vorgefallen, sodass der Betriebsleiter einen Rechtsanwalt eingeschaltet hat. Die Kommunikation läuft seitdem offiziell nur über den Rechtsbeistand. 

Das Kommunikations-Problem verschärft sich seinen Angaben nach durch die hohe Fluktuation bei den Mitarbeitern von Tennet bzw. deren Dienstleistern.

Arbeiten zur Unzeit

Baugrunduntersuchungen bis 20 m Tiefe fanden teilweise auch nach Starkniederschlägen statt, was Strukturschäden zur Folge hatte. "Die fahren auf den Acker, weil es auf dem Plan steht", verurteilt Wilhelm Bohnsack das rücksichtslose Vorgehen. Obendrein fand auch eine Verunreinigung des Bodens durch ätzende Bohrflüssigkeit statt, die nicht ordnungsgemäß entsorgt, sondern auf dem Acker abgelassen wurde. Die Folge waren Blattschäden bei den Zuckerrüben.

Arbeiten müssten im Vorfeld genau bgesprochen, genehmigt und ordnungsgemäß nach der DIN-Norm 19639 ausgeführt werden, kritisiert das Ehepaar. 

Dinge aus dem Tollhaus

on_Schotterweg

Ein weiterer Kritikpunkt an Tennet ist, dass Realverbände im Vorfeld teilweise gar nicht über Untersuchungsvorhaben informiert worden sind, obwohl sie in diesem Gebiet für das Wegerecht zuständig seien. Nicht hinnehmbar ist auch die Aktion gewesen, als Tennet Bohrungen an einem Maststandort durchgeführt und dabei eine Tonschicht durchstoßen hat. Durch eine unsachgemäße Verfüllung erfolgt dort seitdem ein unkontrollierbarer Wasseraufstieg, der einen Teil der Fläche vernässt und die Bodenbearbeitung behindert.

Auf völliges Unverständnis stieß bei ihm eine andere Aktion, die Tennet im Rahmen der Erstellung der Strommasten veranlasst hat. So wurde Bohnsack mitgeteilt, dass im Rahmen des Anschlusses der Zuleitung zum Pumpspeicherkraftwerk mitten durch seinen Rapsschlag ohne Planfeststellung temporär eine Schotterstraße statt der Verlegung von Baustahlmatten gebaut werden soll. "Dadurch wird der Boden und die Struktur auf Jahre zerstört", befürchtet der Landwirt.

Der bis zum Schlag führende etwa 1.000 m lange Asphaltweg ist bereits ohne Absprache mit rund 1.800 t Schotter aufgefüllt worden – angeblich um die Tragfähigkeit des Weges zu erhöhen. Das Ganze ist aber ohne Abstützung der Seitenränder erfolgt. Die Abfuhr des Ernteguts dürfte in den bis zu 200 m hohen und teilweise sehr steilen Hanglagen mit bis zu 20 % Neigung zum Himmelfahrtskommando werden, wenn der Schlepper mit den vollbeladenen Anhängern auf dem eher schwimmenden Untergrund den schmalen Weg talwärts befährt.

Von Tennet gab es nur Beschwichtigungen

Außer Beschwichtigungen und teilweise Entschuldigungen der Firma war von Tennet nichts weiter zu den Vorfällen zu hören, ärgert sich Wilhelm Bohnsack. Um auf Nummer sicher zu gehen, empfiehlt das Ehepaar, wachsam zu sein, keine mündlichen Zusagen entgegenzunehmen, alles schriftlich festzuhalten, eine Rechtschutzversicherung abzuschließen, die gerichtliche Streitigkeiten rund um die Stromtrasse abdeckt, ein Bautagebuch zu führen und Baumängel sofort zu fotografieren: "Wir dokumentieren mittlerweile alles, um Nachweise zu bringen und falsche Behauptungen zu widerlegen", erläuterte sie ihre Strategie.

Teilerfolg errungen

Bohnsack weiß, dass es nicht überall so schlecht läuft. So hat er von Berufskollegen gehört, dass die Kommunikation mit dem Übertragungsnetzbetreiber Amprion GmbH, die im Westen der Republik aktiv sind, wesentlich besser läuft. "Bei uns hier in Südniedersachsen wird nach dem Prinzip Brechstange vorgegangen, das darf einfach nicht sein", entrüstet sich der Landwirt. 

Zumindest einen Teilerfolg hat die Familie gemeinsam mit den anderen betroffenen Grundstückseigentümern und dem Ortsrat bei der Verlegung des Erdkabels zum Pumpspeicherkraftwerk errungen. Das Stromkabel wird nun doch nicht wie von Tennet beabsichtigt, am Fuß des Hanges nahe an der Ortschaft Erzhausen verlegt, wo es wasserführende Schichten zerstört hätte.

Wichtig war auch der Erfolg vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig, wonach die Kabelübergabeanlage anders geplant werden musste. Tennet hat eingelenkt und verlegt das Erdkabel stattdessen jetzt oben am Hang in weniger wertvollen Flächen, wo nur wenige wasserführende Schichten zerstört werden.

Den ausführlichen Artikel lesen Sie in der LAND & FORST-Ausgabe 19/21 oder in der digitalen Ausgabe

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